Fallbeispiel 5: Der glückliche Verzicht

Ausgangssituation

Herr Martin Wellenburg (Name geändert) ist 52 Jahre und Mitarbeiter in einem multinationalen Konzern für Computertechnik. Er ist seit 17 Jahren im Unternehmen tätig und mit seinen Aufgaben und seinem Arbeitsumfeld sehr zufrieden. Dies trifft auch auf seine private Situation zu. Er ist seit 24 Jahren verheiratet und hat zwei fast erwachsene Kinder. In seiner Firma war er an diversen wichtigen Projekten beteiligt und gilt als hervorragender Mitarbeiter in Projekten, die häufig einen großen Teil seiner Arbeitszeit erfordern. Ihm wurde von der Personalabteilung eine Stelle als Projektleiter angeboten. Seine Frau freut sich für ihn, er selbst weiß nicht, ob er annehmen soll oder nicht.

Wie hat Herr Wellenburg sich bisher verhalten?

Herr Wellenburg diskutiert das Angebot mit einigen Kollegen und mit seiner Frau. Jeder in seinem Freundeskreis rät ihm dazu, dass Angebot anzunehmen. Alle halten ihn für kompetent genug, den Anforderungen gerecht zu werden – er sich selbst übrigens auch. Trotzdem ist da so ein Störgefühl, das keine reine Freude aufkommen lassen will. Er wägt das Für und Wider immer neu ab, kommt aber zu keinem Entschluss. Auch die Erstellung von Pro- und Contra-Listen hilft nicht bei der Entscheidungsfindung.

Was hat er bisher erreicht, was nicht?

Da Herr Wellenburg langsam eine Entscheidung treffen muss, wird der gefühlte Druck immer größer. Er kann sich seine Zögerlichkeit nicht richtig erklären. Er fühlt sich unfähig, die Entscheidung zu fällen. Seine rein verstandesmäßigen Abwägungsversuche bringen keine Lösung des Dilemmas.

Erwartungen an das Coaching

Herr Wellenburg möchte wissen, welche Entscheidung für ihn die beste wäre. Weil er annimmt, dass er mit rationalen Überlegungen nicht weiterkommt, möchte er, dass ich ihn bei seiner Entscheidungsfindung unterstütze. Insbesondere möchte er seinem „Störgefühl“ auf die Schliche kommen.

Auftragsklärung: Kluge Entscheidungen trifft nicht der Kopf allein.

Herr Wellenburg hat die Qual der Wahl. Es ist eine typische Dilemmasituation nach dem Motto: Entweder – oder. In dieser Polarisation liegt das Problem, immer müssen wir uns auch gegen etwas entscheiden. Häufig ist eine mögliche neue Konstellation uns weniger bekannt – und löst daher Verunsicherung oder sogar Ängste aus.

Herr Wellenburg ist bei seinen Überlegungen bereits auf etwas sehr Wichtiges gestoßen: Er erkennt, dass eine rein rationale Herangehensweise ihm nicht hilft. Da gibt es innere Stimmen, die auf diese Art nicht angemessen berücksichtigt werden. Er versteht nur noch nicht, wie er diesen Stimmen Gehör verleihen kann. Damit hat Herr Wellenburg seinen Bedarf klar und deutlich erkannt – und genau so formuliert er sein Coaching-Ziel.

Zielformulierung

Ich möchte meinen inneren Stimmen Gehör verschaffen um besser zu verstehen, warum ich mit einem Störgefühl auf das Firmenangebot reagiere.

Zielführende Maßnahmen

Da Herr Wellenburg einen wachen, aufnahmefähigen und stabilen Eindruck auf mich macht und das Coaching als gute Möglichkeit für seine persönliche Entwicklung bewertet, schlage ich zunächst wenige, zeitlich und inhaltlich klar umrissene Sitzungen vor. Wir vereinbaren für die erste Phase zwei zweistündige Sitzungen und danach ein- bis zwei einstündige Treffen.

  • In den ersten beiden Sitzungen möchte ich mit ihm seine Stimmen zum Tönen bringen, damit wir beide verstehen, was sein Störgefühl ausmacht.
  • Im zweiten und dritten Schritt werden wir versuchen, das Resultat der ersten Sitzungen zu sortieren und zu bewerten.

Die ersten beiden Sitzungen sind der kritische Teil unserer Zusammenarbeit. Hier geht es im Wesentlichen um das Erkennen und Benennen von Gefühlen, ein Gebiet, mit dem Herr Wellenburg anscheinend wenig Erfahrung hat. Er ist vielmehr ein Ingenieur wie er im Buch steht: Sachlich, konkret, direkt, rational. Daneben strahlt er allerdings auch eine Zufriedenheit und menschliche Wärme aus, die den Eindruck vermittelt, dass er mit sich und seinem Umfeld im Reinen ist. Aus diesem Grund traue ich mich, diesen kritischen Teil an den Beginn des Coachings zu stellen. Hierzu braucht es Vertrauen und Offenheit – und beides muss im Vorfeld oft erst erarbeitet werden.

Routinemäßig sitzen wir uns während des Coachings gegenüber und Herr Wellenburg bemüht sich, mir zu beschreiben, was ihm an dem potenziellen Job nicht gefallen könnte. Er stockt häufig und tut sich schwer, die passenden Worte zu finden. Es wirkt auf mich, als ob ihm dieser ganze Gedanke einfach nicht gefällt und er sich auch im Austausch mit mir gar nicht damit befassen will. So kommen wir nicht weiter! Ich schlage ihm einen Spaziergang an der Alster vor. Es ist kühl aber sonnig. Nach einigen Schritten frage ich Herrn Wellenburg, was ihm im Leben Spaß macht. Nach einigem Überlegen erzählt er mit einem Lächeln von seinen Hobbys, seinem Garten, seiner Familie und auch von seinen Kollegen und seiner Arbeit. Er erzählt auch von den Anfangsschwierigkeiten im Job und in der Beziehung, von Umzügen und Erziehungsproblemen. Unser Spaziergang dauert über eine Stunde und ich habe die ganze Zeit das Gefühl, ich gehe neben einem rundherum zufriedenen Menschen.
Als ich Herrn Wellenburg meine Einschätzung mitteile, gesteht er ganz unvermittelt: Jetzt sei ihm klar, dass er auf gar keinen Fall möchte, dass sich in seinem Leben etwas grundlegend verändert. Er sei vollkommen glücklich so wie es sei! Und sein Störgefühl scheine sich quasi aufzulösen.

Es kommt hin und wieder vor, dass sich eine Dilemmasituation auflöst, sobald wir in Kontakt mit unseren wahren Bedürfnissen sind. Wenn uns dann klar wird, welche Entscheidungs-variante mit unseren Bedürfnissen übereinstimmt, ist das Treffen von Entscheidungen relativ einfach. Der Volksmund spricht manchmal vom „Bauchgefühl“.In der Tat trifft dieser Teil in uns häufig die wirklichen Entscheidungen und der Verstand sucht sich dann die passenden Argumente. Häufig sind die Bedürfnisse weniger klar, oder die Optionen die wir haben befriedigen jeweils unterschiedliche, aber allesamt wichtige, Bedürfnisse. Dann gilt es abzuwägen und aus dem Entweder-oder vielleicht ein Sowohl-als auch zu gestalten.

Obwohl der Fall für Herrn Wellenburg jetzt klar zu sein scheint, schlage ihm vor, sich mit einer möglichen Veränderung doch noch einmal auseinanderzusetzen, um ganz sicher zu sein, dass er keine Chance verpasse.

In der nächsten Sitzung beschäftigen wir uns eingehend mit den Bedingungen seines potenziellen Aufgabenfeldes. Insbesondere der zunehmende Anteil an internen und externen Abstimmungen, Ziel- und Budgetüberwachungen, Reisen zu Kunden sind Bestandteile der neuen Aufgabe, die Herrn Wellenburg nicht behagen. Er arbeitet besonders gerne im Team und an einer konkreten Aufgabenstellung.

Die Betrachtung der Vorteile (Gehalt, Position etc) wiegt diese Nachteile nicht auf. Herr Wellenburg hat sich meines Erachtens bereits innerlich entschieden - und kann dies auf meine Rückfrage auch ausdrücken. Er macht sich ein wenig Gedanken darüber, wie er seine Entscheidung seiner Frau und seinem Chef kommunizieren soll. Eine passende Kommunikationsstrategie erarbeiten wir in unserer dritten Sitzung.

Ergebnis

Herr Wellenburg hat seinen Auftrag an mich bereits weitgehend klar formulieren können und war - aus meiner Perspektive - auch wirklich am Kern des Problems. Hätte Herr Wellenburg das Problem auch allein lösen können? Wie nah er der eigentlichen Lösung selbst schon war, lässt sich daran erkennen, wie schnell er letztlich zu der für ihn richtigen Entscheidung kam. Aber den letzten - von außen gesehen vielleicht kleinen, für ihn aber buchstäblich erlösenden - Schritt konnte ihm meine Hilfe als Coach ermöglichen: Weg von der Problemorientierung ("Was will ich vermeiden?") hin zur Lösungsorientierung ("Was will ich erreichen?").

In unserem Abschlussgespräch teilt Herr Wellenburg mir mit, dass seine Frau mit seiner Entscheidung sehr zufrieden sei, weil sie spüre wie klar seine Position in dieser Sache sei. Im Gespräch mit seinem Personalchef hat er sich für die Wertschätzung, die eine Beförderung beinhaltet, ausdrücklich bedankt und seine Überlegungen dargelegt. Auch hier wurde – zwar mit Bedauern – vor allem Verständnis und Respekt für seine Entscheidung ausgedrückt.