Fallbeispiel 3: Im Job keine Gefühle! Sagte Frau Alvin

Ausgangssituation

Frau Heike Alvin (Name geändert) ist 29 Jahre alt, promovierte Geisteswissenschaftlerin und seit eineinhalb Jahren in einer Werbeagentur als Kundenberaterin tätig. Die Unternehmensleitung prüft, ob ihr die Betreuung eines wichtigen Kundenetats und eines entsprechend großen internen Projektteams anvertraut werden soll. Von ihren Kollegen kann Frau Alvin sich keine Unterstützung erhoffen, hier gilt sie als „nervig“ und „kleinlich“ gilt. Ihr wird ein Coaching angeboten.

Wie hat Frau Alvin sich bisher verhalten?

Frau Alvins Werdegang ist vorbildlich. Sie hat einen guten Schul- und Studienabschluss und mehrere erfolgeiche Praktika in namhaften Firmen vorzuweisen. Sie wirkt auch mir gegenüber sehr professionell, allerdings auch sehr reserviert und faktenorientiert. Als ich ihr meinen Eindruck schildere ist  ihre Antwort: „Gefühle gehören nicht in den Job!“.

Was hat sie bisher erreicht, was nicht?

Das Wohlwollen der Unternehmensleitung gab ihr bisher weitgehend das Gefühl, dass alles in Ordnung sei. Erst seit dem Gespräch über die Erweiterung ihres Aufgabenbereichs wird ihr zunehmend deutlich, dass sie im Kollegenkreis nicht sehr beliebt ist. Sie hat dann das getan, was viele Menschen in dieser Situation tun: Sie hat sich innerlich von ihren Kollegen distanziert (um sich zu schützen) und das, was sie gut kann, in ihrem Arbeitsverhalten verstärkt. Mit Distanz, mehr Entschlossenheit und Sachlichkeit versucht sie keinen Anlaß zur Kritik zu geben. Nach eigenen Aussagen hat sich die Atmosphäre im Kollegenkreis allerdings nicht spürbar verbessert.

Erwartungen an das Coaching

Frau Alvin fühlt sich in der Werbeagentur „am richtigen Platz“. Sie schätzt ihre Aufgaben, möchte gern eigenständig einen großen Etat betreuen, spürt allerdings, dass sie mit einigen Kollegen nicht gut zurechtkommt. Durch das Coaching möchte Frau Alvin Klarheit darüber bekommen, wie sie auf ihre Kollegen wirkt. Sie wünscht sich eine – im besten Sinne des Wortes – kollegiale Zusammenarbeit. Warum ihr das nicht gelingt, ist ihr ein Rätsel.

Auftragsklärung: „Das Hemmnis sehe ich wohl – aber wie kann ich’s überwinden?“

Frau Alvin hat ihren Coaching-Auftrag treffend formuliert. Sie hat erkannt, dass es darum geht, das eigene Verhalten bzw. Auftreten zu überprüfen und zu verstehen, wie sie damit auf ihre Kollegen wirkt. Ihr wird, bereits während sie mir ihren Auftrag beschreibt, zunehmend bewusst, wie sehr das Verhalten der anderen (auch) eine Reaktion auf ihre Person und ihr Verhalten ist. Nach einer provozierenden Bemerkung meinerseits entdecken wir, dass sie empfindlich gegen Kritik ist. Sie reagiert darauf erneut mit einem sichtbaren Rückzug. Als ich ihr dies mitteile erklärt Frau Alvin, dass sie den Rückzug in die Distanz gut kennt und selber als Hemmnis empfindet. Das Gegenteil von Distanz ist Nähe. Das Thema „Nähe“ löst schon bei der Formulierung sichtbare Reaktionen der Abwehr und Betroffenheit bei Frau Alvin aus.

Konkretisierung der Zielformulierung

Ich schlage Frau Alvin vor, in ihrer Zielformulierung auch dem Thema „Nähe“ einen Raum zu geben. Sie formuliert das in etwa so: Ich möchte verstehen, warum „Nähe“ für mich ein bedrückendes Thema ist, und ich möchte mir selbst und meinen Kollegen gegenüber Wertschätzung empfinden und ausdrücken.

Zielführende Maßnahmen

Da Gespräche, in denen Bedürfnisse  (z.B. Nähe – Distanz) thematisiert werden, erfahrungsgemäß unterschiedlich tief und damit zeitintensiv sind, lässt sich der Umfang des Coachings zu Beginn nicht eindeutig festlegen. Ich schlage als Zeitrahmen Frau Alvin zunächst 5 Stunden á 60 Minuten vor, um dann zu schauen, wo wir stehen und wie weit wir ihren Erwartungen gerecht wurden. Frau Alvin ist einverstanden, mit einer Betrachtung ihrer Biografie zu starten und dann gemeinsam herauszufinden, was es mit dem Fühlen und den Gefühlen bei ihr auf sich hat.

Wie häufig, bringt der biografischer Ausflug Frau Alvin erste Aha-Erlebnisse in Bezug darauf, wie Gefühle wie Nähe in ihrer eigenen Familie gelebt wurden. Da die Eltern für die Kinder Vorbilder für den Umgang mit Gefühlen und Bedürfnissen sind, ist es wenig verwunderlich, dass dort vorhandene Verhaltensmuster mehr oder weniger übertragen werden. Es wird deutlich, dass die Mutter mit den Gefühlen der Tochter schnell überfordert war, so dass Frau Alvin ihre Gefühle schon früh zurückgehalten hat. Für das kleine Mädchen, das Frau Alvin war, kann es ein sehr frustrierendes und enttäuschendes Erlebnis gewesen sein, ihre Mutter nur in einer gefühlsmäßigen Distanz zu erleben. Gleichzeitig haben Verpflichtungen in der Familie einen hohen Stellenwert. Aussagen wie „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ prägen die Haltung der Familienmitglieder und deren Grundwerte. Bedürfnisse werden dem untergeordnet.
Die Erkenntnis, warum wir auf die eine oder andere Art fühlen oder uns verhalten, verhilft vielen meiner Klienten zu einem umfassenderen Verständnis und zu größerer Akzeptanz dessen, was ist. Auch das Gefühl, an etwas schuld zu sein, als Kind „nicht richtig gewesen zu sein“ oder versagt  zu haben, lässt sich so teilweise auflösen.
Als nächsten Schritt schlage ich vor, herauszufinden, welche Gefühle für Frau Alvin spürbar und kommunizierbar sind und welche nicht. Dafür nutze ich die Hephaistos Gefühlslandkarte, die einen Eindruck davon vermittelt, welche Gefühle für Frau Alvin relativ einfach zu zeigen sind, welche Gefühle sie nur guten Freunden gegenüber zeigen kann und welche Gefühle kaum oder gar nicht gezeigt bzw. sogar empfunden werden dürfen. Die gemeinsame Auswertung macht Frau Alwin sehr nachdenklich. Es wird deutlich, dass eine Vielzahl von Gefühlen, die ihre eigene Befindlichkeit ausdrücken – und damit anderen Menschen Hinweise auf ihre Persönlichkeit und den Umgang mit ihr geben könnten  - gar nicht gezeigt werden, aber empfunden werden dürfen. (Wäre dies nicht der Fall, würde ich mir Gedanken darüber machen, ob eine rein therapeutische Begleitung für Frau Alvin nicht sinnvoller wäre als ein Coaching). 
Wir nutzen die Auswertung dieser Bestandsaufnahme für eine Zwischenbilanz, und Frau Alvin entscheidet sich dafür, in weiteren drei Stunden diese Erkenntnisse mit mir gemeinsam zu bearbeiten. Wir nähern uns den Ängsten, die mit dem Zeigen dieser Gefühle verbunden sind und erarbeiten gemeinsam Situationen, in denen Frau Alvin sozusagen scheibchenweise mit den Gefühlen selbst besser in Kontakt kommt, um diese in einem weiteren Schritt in einem geschützten Rahmen (vorzugsweise bei guten Freunden) zu zeigen.

Ergebnis

Als wir unsere Zusammenarbeit fürs Erste beenden, wirkt Frau Alvin auf mich – und nach eigenen Aussagen auch auf ihre Familie und Freunde – lebendiger. Ihre Mimik und Gestik ist facettenreicher, was einen Aufschluss darüber gibt, dass sie sich leichter damit tut, Gefühle auch nach außen zu zeigen. In der Firma spürt sie eine kleine Verbesserung im Kontakt mit zwei Kollegen, ist aber zuversichtlich, dass dies erst der Anfang einer größeren Veränderung ist. Ihr wichtigstes Resümee lautet: „Es ist für mich eine große Herausforderung, meine Gefühle auch in meinem Arbeitsleben spürbar werden zu lassen. Ich fühle mich damit viel mehr in meinem Leben angekommen und irgendwie runder!“